Rhaban Straumann, Olten

Schauspieler / Satiriker

Fotograf: Remo Buess
© Rhaban Straumann

Drei Sonnenaufgänge über Bivio

Der Rettungshubschrauber wirbelt kräftig Schnee auf. Atmen fällt schwer. Zum Glück kein Pulverschnee. Mit hochgezogenen Kapuzen kauern wir unterhalb des Piz Lagrev und warten bis der Helikopter unsere Kollegin nach Samedan fliegt. Kreuzband futsch. Es ist kurz nach Mitte April und viel zu warm. Im Unterland überholt der Sommer den Frühling während hoch droben ein sommerlicher Bergfrühling mit dem Winter flirtet. Es liegen Schneemassen wie seit Jahren nicht mehr. Täglich erklimmen wir mit Fell und Ski, manchmal mit Harscheisen, stets mit Musse einen Gipfel. Der Bergführer ist besonnen, Bivio die Basis, die Gruppe angenehm und um uns herum herrscht kraftvolles Weiss, Ruhe und Erhabenheit, der ganze überwältigende Kitsch mächtiger Natur. Um das zu erleben muss man früh raus und ist zeitig zurück. Sonst wird es gefährlich. Der Schnee wird schwer, dessen Verhältnisse verändern sich von Hang zu Hang und Lawinen werden spontan. Drum schnallen wir, sobald Heli fort, unsere Skier zügig an und geniessen vorsichtig die Abfahrt. Es ist die Stunde vor Mittag. Gleichzeitig kämpft sich eine Gruppe hoch. Das dauert noch. Wir verstehen es nicht. Staunen über den Bergführer, der das ermöglicht, über die Gruppe, die es wünscht. Fahrlässigkeit am Berg scheint weit verbreitet. Und nimmt zu, je näher das Wochenende. Analog zum Ausflugverkehr am Julier. Und mit ihm sorglos Zigarettenstummel im Schnee entsorgende Tourengänger und Bergführer. Angesichts grosszügig unterschätzter weisser Gefahr und ebenso vorhandenem Defizit an Respekt gegenüber der Natur zweifle ich ehrlich, ob Mensch es jemals schaffen wird, den Klimawandel wahrlich ernst zu nehmen. Mich eingeschlossen. Etlichen wortreichen Beteuerungen folgen stets noch zu zahlreiche Billigflüge. Dabei liessen sich mit etwas Glück an einem Morgen über Bivio gleich drei atemberaubende Sonnenaufgänge geniessen. Wie, das bleibt unser Geheimnis.

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